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Theaterbesuch

 

 

…der 6A (hum.Gym.) am AKG: „Namenlos“, eine freie Sequenzen-Bearbeitung von Homers Odyssee. Zugleich avantgardistisches Theater und ewig moderne Literatur der Antike.

„Jeder Kriegsheimkehrer ist Odysseus“: Diese ebenso markante wie provokante Aussage bezeichnet den Angelpunkt der Perspektive, unter dem auch heute wieder Irrfahrten und Leiden des Odysseus wachrüttelnde Aktualität erreicht haben. In raschen Gegenüberstellungen, deren artistische Umsetzung als Gesamt-Kunstwerk mit Sprache, Bewegung, Ton- und Lichteffekten unter die Haut geht, wird die aus der Ilias bekannte Figur des listenreichen Odysseus, der für die blutige Zerstörung Trojas verantwortlich zeichnet, kontrastiert mit dem von Überlebensängsten und Selbstzweifeln geplagten heimatfremden Irrfahrer, der auf der Rückkehr in zehn Jahren Umwegen seine ganze Mannschaft verliert –soweit sie den Krieg davor überlebt hat- und sich immer der Ungewissheit stellen muss, ob er seine vor letztlich zwanzig Jahren verlassene Frau und seinen damals gerade neugeborenen Sohn jemals wiedersehen oder vorher untergehen wird, oder seine Lieben zu Hause nicht mehr heil antreffen wird. Beeindruckend.

Dazwischen werden getreu der Erzählstruktur Homers all die bekannten Abenteuer noch einmal durchlebt, von der Höhle des schrecklichen Zyklopen über die Verlockungen der ewig jungen Gottheit Kalypso bis zur vergessen machenden Falle der Lotusfrucht, die viele von Odysseus‘ Gefährten glücklich, aber erinnerungslos für immer in der Fremde bleiben lässt. Welcher Ausgang ist wohl der glücklichere? Im Unterschied zu Homers Odyssee bleibt diese Frage offen. Denn gerade nach dem triumphalen Einzug im heimatlichen Palast in Ithaka, der untrennbar mit dem Tod der dutzend Freier verbunden ist, die mittlerweile Odysseus‘ vermeintliche Witwe Penelope umworben hatten, mischen sich die schrillen Gegenstimmen all der verdrängten Erinnerungen in den Jubellaut – von verübten Kriegsgräueln über das eigene Leid während zehn Jahren Irrfahrten bis zur ewigen Ungewissheit, ob am Ende doch noch der Sieg stehen wird. Und der ist dann wieder mit Gräueln erkauft.

Kann man diesem Kreislauf des Leids endgültig entrinnen? Diese Ambivalenz hängt ewig an der mythologischen Person des Odysseus, Happy bloody end in der Antike, offene Frage heute – wir sind aufgerufen uns selbst mir der Problematik des Menschseins anhand der klassischen Figur auseinanderzusetzen.

Ein packender Theaterabend, der sein Publikum nachdenklich entlässt. Genau so, wie klassisch-zeitloses Theater eben sein muss.

NamenlosProgr